Die Schweiz gilt als Land der Berge und Täler — aber in Wirklichkeit ist sie eines der urbanisiertesten Länder Europas. Über 84% der Bevölkerung lebt in städtisch geprägten Gemeinden. Das Mittelland, der Streifen zwischen Genf und St. Gallen, ist praktisch durchgehend besiedelt.
Urbanisierungsgrad im Zeitvergleich
| Jahr | Anteil städtische Bevölkerung | Anz. Agglomerationen |
|---|---|---|
| 1980 | 73,2% | 34 |
| 1990 | 75,0% | 43 |
| 2000 | 77,8% | 48 |
| 2010 | 81,3% | 49 |
| 2020 | 83,6% | 49 |
| 2025 | 84,2% | 49 |
Die Zahl der Agglomerationen hat sich seit den 1980er-Jahren stark erhöht — nicht weil neue Städte entstanden, sondern weil bestehende Gemeinden in den Einzugsbereich der Zentren hineingewachsen sind. Ein Phänomen, das Raumplaner «Suburbanisierung» nennen.
Die grössten Agglomerationen
| Agglomeration | Bevölkerung 2025 | Wachstum 2015–2025 |
|---|---|---|
| Zürich | 1'418'000 | +9,1% |
| Genf-Lausanne (Métropole lémanique) | 1'280'000 | +8,4% |
| Basel | 548'000 | +4,8% |
| Bern | 420'000 | +5,2% |
| Luzern | 228'000 | +6,1% |
| St. Gallen | 173'000 | +3,4% |
Die Agglomeration Zürich hat mit über 1,4 Millionen Einwohnern fast so viele Bewohner wie die gesamte Bevölkerung von Estland. Und wenn man den funktionalen Grossraum (inklusive Winterthur, Baden, Zug) betrachtet, erreicht man über 2 Millionen.
Zersiedelung: Die Kehrseite
Das Wachstum der Agglomerationen hat seinen Preis. Zwischen 1985 und 2018 hat die Siedlungsfläche der Schweiz um 31% zugenommen — von 2'500 auf über 3'300 km². Das entspricht einer Fläche grösser als der Kanton Tessin, die in gut 30 Jahren überbaut wurde.
Mit dem revidierten Raumplanungsgesetz (RPG) von 2014 hat der Bund versucht, die Zersiedelung einzudämmen. Seither müssen Kantone überdimensionierte Bauzonen rückzonen und Siedlungen nach innen verdichten. Erste Effekte sind sichtbar: Der jährliche Siedlungsflächenzuwachs hat sich von 1,8% (2000er-Jahre) auf unter 0,9% halbiert.
Pendlerströme als Indikator
Die Pendlerstatistik zeigt eindrücklich, wie vernetzt die Schweizer Städte sind. Rund 71% aller Erwerbstätigen pendeln — über die Hälfte davon in eine andere Gemeinde. Die durchschnittliche Pendeldistanz beträgt 14,8 Kilometer (einfach).
Die Folge: Staus, überfüllte Züge und die Frage, ob das Verkehrsnetz mit dem Wachstum Schritt halten kann. Die SBB transportiert pro Tag über 1,3 Millionen Passagiere — Tendenz steigend.
Ländliche Räume unter Druck
Während die Städte wachsen, verlieren periphere Regionen an Bevölkerung. Berggebiete, das Jura und Teile des Tessins kämpfen mit Abwanderung junger Menschen. Die Folge: Schulen schliessen, Arztpraxen verschwinden, die Grundversorgung wird ausgedünnt. Ein Teufelskreis, der die Überalterung in diesen Regionen beschleunigt.
Datenquellen
BFS, Raum und Umwelt. ARE (Bundesamt für Raumentwicklung), Agglomerationsdefinition 2020. Siedlungsflächendaten aus der Arealstatistik.